Ein Hochzeitslied

Die Rückmeldungen, die meine Erstlektoren mir zu meiner Halleluja-Dichtung gaben, ließen mich ja nicht ruhen, eine gottesdienstlich taugliche kurze zu dichten. Der erste Versuch ist einer für Hochzeiten. Da hätte man nun wiederum zwei Möglichkeiten: Die klassische wäre, es als Lied der Gemeinde zu Gott für das Brautpaar zu machen. Lass Dich nicht aufhalten, Malte! Die andere, die sich bei mir eher ergab, macht es zum Lied des Brautpaares, in das die Gemeinde mit einstimmt, ähnlich wie bei den Hochzeitsfassungen des „Danke“-Liedes. Der Refrain ist auch hier nicht mit wiedergegeben, weil er sowieso klar ist.

  1. Gemeinsam kommen wir zu dir.
    Vor deinen Stufen stehen wir,
    um heute das Versprechen abzulegen,
    uns treu zu sein ein Leben lang.
    Herr, höre unsern Lobgesang,
    und sprich zu unsrer Liebe deinen Segen.
  2. Wir gehen in die neue Zeit
    bereit für Harmonie und Streit,
    vereint auf schönen und auf schweren Wegen.
    Doch wird das Leben für uns zwei
    vollkommen nur, bist du dabei.
    Auf jedem Schritt begleite uns dein Segen.
  1. Du liebtest uns von Anbeginn
    und trägst uns bis zum Ende hin,
    wenn einst wir uns zur letzten Ruhe legen.
    Lass lieben uns, wie du uns liebst,
    barmherzig sein, wie du vergibst.
    Herr, setze füreinander uns zum Segen.

 

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Ein Versuch, ein unübersetzbares Lied zu meinem zu machen

Nachdem der wunderbare Malte Detje dieser Tage mit brillanten Übersetzungen alter englischer Anbetungslieder um die Ecke kam, fühle ich mich ermutigt, ein ganz eigenes, ähnliches und doch ganz anderes Liedprojekt in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ich reagiere damit auf Anfragen nach einem tollen und immer beliebteren Lied. Ob man das nicht auch mal im Gottesdienst singen könne. Oder spielen. Was man nicht kann.

Leonard Cohens „Hallelujah“ ist ein bewusst säkulares Lied. Es spielt zwar mit biblischen Motiven (David, Simson), aber wollte nie für liturgischen Gebrauch eingesetzt werden. Die Idee aber, dass das „Hallelujah“ nicht immer fröhlich klingt, dass es häufig im Leid und in Krisen geboren wird, scheint mir nicht säkular, sondern gut biblisch – auch wenn wir dies in unseren Frömmigkeiten oft vergessen.

Immer häufiger wird dieses Lied von Familien für Gottesdienste gewünscht, speziell für Trauungen und –erfeiern. Auf Trauerfeiern spiele ich es vom Band und kann mit der Symbolik und existentiellen Tiefe gut leben, unabhängig von einzelnen Bildern, auf Trauungen ist es tabu. Ich meine, Leute!, Strophe 2 mit ihrer Anspielung auf 2. Samuel 11 geht auf einer Hochzeit gar nicht! Eine auf youtube kursierende deutsche Hochzeitsfassung ist säkular, aber dazu noch Kitsch hoch 3, gottesdienstlich völlig unbrauchbar.

Ich wünschte mir daher schon länger eine für Gottesdienste singbare deutsche Fassung dieses wunderschönen Liedes. Weil ich keine fand, fing ich selber an zu dichten. Mir war wichtig, die Tiefe eines aus dem Leid entspringenden Gotteslobs aus dem Original zu erhalten. Jeden Versuch, auf „Halleluja“ zu reimen, hielte ich im Deutschen für völlig gekünstelt und habe ihn daher verworfen zugunsten eines „reimbareren“ Wortes. Der hier vorgelegte Versuch wurde eher ein christliches Vortragslied als ein Gemeindelied. Eine gewisse christologische Unschärfe ist dem Charakter des Lobpreisliedes sowie der jüdischen Herkunft des Originals geschuldet. Mein Text ist dezidiert christlich, aber wenn ein Jude (oder gar Muslim?) ihn auch mitsingen könnte, würde ich das hier nicht als Schwäche ansehen. Ich danke Rüdiger Fuchs und Stefan Iserhot-Hanke für das freundliche und ehrliche Lektorat. Die meisten ihrer Vorschläge sind hier eingeflossen. Die Idee, es durch Wir-Form allgemeiner singbar zu machen, war schön, hätte aber aus einem guten Vortrags- ein mittelmäßiges Gemeindelied gemacht. Darum sei dieses persönliche Gebetslied nun der Öffentlichkeit und weiteren Verbesserungsideen zur Verfügung gestellt. Ein Entwurf einer Hochzeitsfassung folgt.

  1. An Tagen, wenn das Leben glückt,
    mit Freundlichkeit es mich anblickt,
    mir schenkt, womit ich Leib und Seele nähre –
    das Dunkel aus dem Herzen weicht,
    das Licht einbricht, dann fällt es leicht,
    entspringt von selbst ein Lied zu deiner Ehre.
  2. Ein Schatten liegt schon lang auf mir,
    vergebens rufe ich nach dir,
    seit dein vertrautes Wort ich nicht mehr höre.
    Bin kalt und leer und spür dich nicht,
    doch such ich weiter dein Gesicht.
    Mein Klageschrei noch klingt zu deiner Ehre.
  3. Hab oft mich weit von dir entfernt,
    am Ende einzig dies gelernt:
    Der Weg zerrinnt, auf dem ich mich abkehre.
    Doch du bliebst deiner Liebe treu,
    riefst mich zurück und sprachst mich frei,
    erneuertest mein Leben dir zur Ehre.
  4. Zum frischen Quell, durchs dunkle Tal,
    ins Feindesland, zum reichen Mahl,
    bist Hirte du, bei dem ich nichts entbehre.
    Auch wenn kein Wunder mir geschieht,
    dein Auge Tag für Tag mich sieht.
    Mein Tagewerk geschehe dir zur Ehre.
  1. Die Wüstenglut, der rote Mohn,
    ein Kinderblick, der Orion,
    der Körner und der Sterne große Heere,
    das Auge durch die Sphären schweift,
    mein Herz erbebt, und es begreift:
    Das Weltall ist erfüllt von deiner Ehre
  2. In Frieden sing ich dir allein,
    doch scheint mir oft das Lied zu klein,
    gebührt dir doch der Vollklang aller Chöre.
    Dann lässt du meine Seele sehn:
    Milliarden andre vor dir stehn,
    so klingt die Symphonie zu deiner Ehre.
  3. Du riefst bei meinem Namen mich,
    Nennst dein mich, und ich fürchte nicht
    die unstillbaren Fluten tiefster Meere.
    Und lässt du mich durchs Feuer gehn,
    brennst du mit mir, und es entstehn
    im Leid noch neue Klänge dir zur Ehre.
  1. Am Ende meines Weges dann,
    wenn keinen Trost ich sehen kann,
    den Tod vor Augen, Angst vor ewger Leere,
    blickt unbeirrt dein Angesicht
    mich an, ziehst du mich in dein Licht.
    Noch ewig singen wir zu deiner Ehre.

Berliner Lehrerin provoziert mit Feindesliebe

Berlin / Karlsruhe – Der Fall hatte weit über Berlin hinaus Wellen geschlagen: Nachdem eine Lehrerin aus dem deutschen Problembezirk auf Dienstanweisung hin ihre Halskette mit Kreuz abgenommen hatte, beschwerte sie sich bei einem Pfarrer darüber. Dieser wandte sich an die Kirchenleitung und Synode, worauf dann sogar die Presse es für eine Story hielt.

In Berlin gilt in öffentlichen Einrichtungen ein sogenanntes Neutralitätsgesetz. Es verbietet allen dort Mitarbeitenden das Tragen religiöser Symbole. Was die Ablehnung von allem Religiösen genau zur Neutralität macht, ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen. „Echte Neutralität wäre doch eine duldende Indifferenz, die sich daran nicht weiter stört“, gab Bischof Markus Dröge zu Protokoll. „Sobald etwas zu religiös konkret wird, etwa auf sowas wie einen Gott hinweist, kann man es doch einfach zur Kenntnis nehmen und danach nicht weiter beachten. Mit dieser Art von Neutralität haben wir als Evangelische Kirche gute Erfahrungen.“ Auf Nachfragen zum Neutralitätsverständnis des Landes haben dessen Vertreter bisher unter Berufung auf ihre Neutralität jede Aussage verweigert.

Verschiedenen Berichten zufolge wurde die Lehrerin in den letzten Tagen gesehen, wie sie einen Anhänger mit einem christlichen Fisch-Symbol trug. Seit neuestem jedoch hat die Provokation durch die Lehrerin eine neue Eskalationsstufe erreicht.

„Gerade gestern, Alder, hab isch mit meinen Bros ganzen Flur mit Seifenwasser eingeschmiert“, erzählt der Schüler Fritz M., „Digger, die is da lang un hat sisch voll auf’n Arsch gesetzt. Aber weissu, was sie dann macht? Die steht auf und lächelt und sagt: ‚Ich vergebe euch! Geht in Frieden.‘ Scheise, Alder, das is doch nisch normal. Das is doch voll christlisch.“

Sein Klassenkamerad Murat Y. fügt hinzu: „Tatsächlich kann man in diese Umgangsform ganz zweifelsfrei als einen Verstoß gegen das Berliner Neutralitätsgesetz erkennen. Wenn ich aus dem Koranunterricht recht informiert bin, fällt so etwas unter den Begriff der sogenannten Feindesliebe. Und diese ist historisch und sachlich ja wohl eindeutig christlich konnotiert. Im Koran oder im Bürgerlichen Gesetzbuch gibt es dergleichen jedenfalls nicht.“

Andere Mitglieder der Lehrerschaft berichten davon, dass ihre Kollegin neuerdings auf Provokationen wegen ihres Glaubens nur freundlich reagiert. „Neulich habe ich einen vulgären Witz über Jesus gemacht“, erzählt die LER-Lehrerin Kerstin F., „aber sie blieb total freundlich. Später hat sie mir sogar geholfen, meine Ordner zum Auto zu tragen. Perfide Zicke!“

Selbst als sie den stellvertretenden Schulleiter bei dem Versuch gestört hatte, ihre Autoreifen zu zerstechen, soll die Pädagogin lediglich gefragt haben, wie es ihm ginge, und ob sie helfen könne. „Dit hatte schon sehr wat von diesem ‚Andere-Wange-Hinhalten‘!“ erzählt der immer noch schockierte Beamte.

Auch Regierungskreise zeigen sich inzwischen alarmiert. Bildungssenatorin Sandra Scheeres macht es deutlich: „Mein Gott, wie oft muss ich es noch wiederholen? Als öffentliche Einrichtungen des Landes Berlin sind unsere Schulen für Menschen jeder Glaubensrichtung da. Also außer jetzt, sie arbeiten da, dann sollte man es ihnen bitte nicht ansehen. Schmuck- oder Kleidungsstücke, die eine Religion symbolisieren, sind nur eine Möglichkeit, den Glauben zu zeigen. Weiß Gott schlimm genug. Aber wenn sie jetzt mit Barmherzigkeit und Feindesliebe auch noch ein religiös motiviertes Verhalten an den Tag legt, wo soll dann die Grenze sein? Ich hoffe und bete, dass die Kollegin bald zur Vernunft kommt. Wir haben sie daher zu einem Gespräch geladen und vor die Wahl gestellt: Wenn sie auf die nächste Provokation nicht wenigstens mit verbaler Gewalt antwortet wie alle neutralen Berlinerinnen und Berliner, dann war es das mit ihrer Karriere. Sowahr mir Gott helfe!“

2016 beginnt noch einmal von vorn

New York / Rom / Mekka / Delhi / Gallifrey / Himmel / Hölle
In bisher ungekannter Einigkeit haben die Vereinten Nationen gemeinsam mit den großen Religionsgemeinschaften, allen bekannten Gottheiten und den Time-Lords beschlossen, das Jahr 2016 noch einmal zu beginnen.

„Normalerweise würden alle Regeln der Chronologieerhaltung gegen eine solche Maßnahme sprechen“, erklärte ein Sprecher der Time-Lords auf Nachfrage. „Aber in diesem Fall war uns alle klar, dass eine Ausnahme her muss.“

„Völlig richtig“, ergänzt der Apostel Petrus, kommissarischer Pressesprecher für die Unsichtbare Welt, „das nun zu Ende gehende Jahr kann als interessanter Prototyp in unseren Laboren in Ruhe untersucht werden, aber als normales Jahr nimmt es hier schon lang keiner mehr ernst.“

Zwar gibt es im Himmel, auf Erden und im Universum Uneinigkeit, wer zuständig sei, derart weitreichende Entscheidungen über Raum und Zeit zu treffen. Alle in Frage kommenden Stellen haben sich jedoch schnell verständigt, dass die Wiederholung des Jahres „alternativlos“ (so eine uckermärkische Regionalgottheit) sei.

Am 1. Januar soll das Jahr 2016 zunächst mit einem Neujahrskonzert auf der Place de la Concorde in Paris eröffnet werden. Neben den Bands Motörhead, The Eagles und Status Quo haben Solokünstler wie David Bowie, Prince, George Michael und Leonard Cohen zugesagt. Alle kündigten gleichzeitig eine Auszeit für den Rest des Jahres an, da sie sich in eine längere Kur entschieden hätten, um ihre Gesundheit zu schonen. „Wir wollen ja schließlich noch länger was voneinander haben“, so George Michael.

Das kommende Jahr verspricht ansonsten wenig Spannung. Das angekündigte Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der EU gilt als chancenlos, seit eine groß angelegte Kampagne der britischen Jugend unter dem Motto „Unsere Zukunft in Europa“ hunderttausende junger Menschen zu dem Versprechen motiviert hat, am Referendum teilzunehmen. „Und natürlich werden wir für den Verbleib in Europa stimmen“, so Emma Watson, das Gesicht der Kampagne. „Wir sind doch nicht bescheuert.“

In den USA läuft alles auf einen Richtungswahlkampf und ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Kandidaten hinaus. EU-Ratspräsident Tusk machte indes klar, dass er sowohl in Carli Fiorina als auch in Bernie Sanders verlässliche Partner zu finden erwartet.

USA, Russland und die verschiedenen syrischen Parteien sind von einer grundsätzlichen Einigung weiter entfernt als je zuvor. Allerdings stellten sie einander in Aussicht, die Differenzen zunächst zurückzustellen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. „Klar“, sagte Assad dazu, „es geht schon um große grundsätzliche Fragen, aber die kann man doch auch später klären. Erstmal sorgen wir gemeinsam dafür, dass in Aleppo keine Kinder sterben müssen. Wir sind doch alle keine Unmenschen.“

Erbitterte Kämpfe können wir also eigentlich nur bei der Fußball-Europameisterschaft erwarten. Als Geheimfavorit gilt Portugal, „allerdings nur solange Ronaldo unverletzt bleibt“. Neulinge wie Island hingegen dürften höchstens in der Gruppenphase für Unterhaltungswert sorgen.

Weltweit wurde die Entscheidung mit großer Erleichterung aufgenommen. Lediglich ein paar Pastoren merkten an, dass sie jetzt nicht wüssten, worüber sie zum Jahresbeginn predigen sollten. Die Jahreslosung 2017 „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“ hätte nach „2016a“, wie es offiziell heißen soll, hervorragend gepasst. Entsprechend waren Auslegungen dazu auch schnell fertig geschrieben. „Aber vielleicht haben wir ja Glück, und sie passt nach dem zweiten Versuch noch besser“, lacht EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm zuversichtlich.

Synoden können irren – und jetzt?

Vor etwa zwei Jahren hat die Landessynode meiner Kirche eine neue Urlaubsregelung beschlossen. Wir Pastorinnen und Pastoren haben weiterhin so um die 6 Wochen Jahresurlaub. Aber Berechnungsgrundlage dafür ist jetzt die 7-Tage-Woche. Bisher war es die 6-Tage-Woche, der Sonntag galt nicht als Urlaubstag. Was eine gewisse Ironie hatte, da wir vor allem für den Sonntag Vertretung suchen mussten.

Die Nordkirche war unter den letzten, die zu dieser Regelung übergingen, und es regte sich Protest: Sollte gerade für Geistliche tatsächlich die 7-Tage-Woche gelten? Was ist denn mit dem Sabbat, der doch ein Geschenk des Schöpfers an seine Schöpfung ist? Ist diese Regelung nicht eigentlich – zumindest mit Fragezeichen fiel m.W. der Begriff – bekenntniswidrig?

Nun, dass auch Synoden irren können, ist ja, wie ich hier und hier herauszuarbeiten versucht habe, völlig unstrittig. Möglich also, dass die Synode hier geirrt hatte. Und andere meiner KollegInnen halten es nicht nur für möglich, sondern sind sich da sicher. Was heißt das nun für ihren nächsten Urlaubantrag?

Genau! Nüscht!

Der Antrag wird so ausgefüllt, wie es formal korrekt ist, da mag die Synode noch so sehr geirrt haben. Es wurde allerdings auf dem Dienstweg protestiert, und es wurde m.W. über eine Nachbesserung nachgedacht.

 

Vor vielen vielen Jahren hat meine Landeskirche beschlossen, nun auch Pastorinnen zu haben. Ich bin danach geboren worden und fand das immer selbstverständlich, und auch die Debatten, die ich später nachlas, konnten mich davon nicht abbringen. Gleichwohl habe ich liebe ältere Brüder im Amt und in Christus, die der Überzeugung sind, die Synode habe da geirrt. Was bedeutet dies nun für ihre Zusammenarbeit mit Pastorinnen?

Schon schwieriger. Die Bischöfin wird anerkannt, Kolleginnen in ihren Gemeinden respektiert. Aber in der eigenen Kirche ließen diese Kollegen jahrelang keine Frau predigen. Auch nicht als Vertretung. Sie sind allerdings unter anderen Rahmenbedingungen angetreten, weswegen diese Praxis toleriert wird. Wer heute bereit ist, Pastor in einer Kirche zu werden, in der alle Getauften nach erfolgreicher Ausbildung ordiniert werden können, wird wohl kaum so eine Sonderlinie fahren können.

Ob man wohl abgesehen von der Praxis immer noch sagen könnte, die Synode habe damals geirrt, aber man lebe jetzt halt damit? Theologisch wäre das inkonsequent. Muss man der Ansicht sein, die Synode habe einen früheren Irrtum korrigiert? Den die Letten jetzt wieder gemacht hätten? Vermutlich sehen es die meisten so.

Aber es gibt natürlich auch die über 90% der Synodenentscheidungen, die mit den Kategorien „Irrtum“ und „Wahrheit“ gar nicht erfasst werden können, weil es einfach Ordnungsfragen sind, die man klären muss. Was jetzt was ist, darüber können die Meinungen dann wieder auseinander gehen, und vielleicht ist auch eine Seite im Irrtum.

 

Nachdem die sächsische Landeskirche vor ein paar Jahren die grundsätzliche Möglichkeit eingetragener Lebenspartnerschaften im Pfarrhaus eröffnet hat, haben einige nicht nur der Synode einen Irrtum unterstellt, sondern der Kirchenleitung vollständig die Autorität abgesprochen. Wunderten sich aber dann, als die Kirchenleitung meinte, wer nicht von ihr geleitet werden wollte, sollte auch nicht für sie arbeiten.

Und letzte Woche hat ein Böblinger Dekan sich über den Beschluss der Württembergischen Landessynode hinweggesetzt und die eingetragene Lebenspartnerschaft zweier Frauen öffentlich gesegnet. Ich warte eigentlich jeden Tag darauf, dass jemand seine Entscheidung mit „Auch Synoden können irren“ verteidigt.

Aber ob jetzt die badische oder die württembergische Synode im Irrtum ist oder beide einfach Ordnungsfragen unterschiedlich geklärt haben, das kann wieder nur in synodalen Prozessen, die ihrerseits selbst irrtumsfähig sind, ausgehandelt werden etc.

 

Die vier Beispiele werfen für mich eher die Frage auf:
Sind irrtümliche Synodenentscheidungen für mich als Mitarbeiter der Kirche verbindlich?
Und ich würde in den meisten Fällen sagen: Ja, das sind sie! Zumindest insoweit, als ich respektieren muss, dass der Spielraum, den sie eröffnen, von anderen genutzt wird. Und in den meisten Fällen in Deutschland erweitern Synodenbeschlüsse ja eher den Spielraum. Sie versuchen, die auf unterschiedliche Weise an die Schrift gebundenen Gewissen nicht zu belasten.

Wo dieser Spielraum eingeschränkt wird – weil das, was möglich sein sollte, nun entweder verboten oder verpflichtend wird – bin ich etwas ratlos. Wenn es mein an die Schrift gebundenes Gewissen belastet (wo es das nicht tut, ist die Frage langweilig), an welcher Stelle ist ziviler Ungehorsam (wie in Böblingen?) geboten, an welcher ist der Wechsel der Kirche (wie es ja einige Gemeinden in Lettland gerade tun) der richtige Schritt?

Vielleicht gibt es da auch keine pauschale Antwort, sondern es ist von Fall zu Fall und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Oder es gibt ganz klare Antworten, die mir bessere Theologen liefern können, als ich es bin.

Was meiner Meinung nach aber auf keinen Fall ginge, wäre, bei einer unwillkommenen Synodenentscheidung einfach mit dem „Synoden können irren!“-Schild zu wedeln und dann unter dem Dach derselben Kirche zu tun, was ich selber gerade richtig finde. Das wäre theologisch zu billig und rechtlich völlig daneben.

Und dann kann man das Argument auch gleich weglassen, oder?

Synoden können irren – Kontext

Im vorigen Beitrag habe ich gefragt, was Luthers Zitat, dass auch Konzilien irren können, eigentlich für das Selbstverständnis von Synoden bedeuten könnte, und kam zu dem vorläufigen Schluss: Alles und nix. Die Einsicht in die eigene Irrtumsfähigkeit macht es überhaupt erst sinnvoll, demokratisch abzustimmen. Und der Hinweis, dass auch Synoden irren könnten, ist als Kritik an ihnen bloß ein Allgemeinplatz.

Was ich mich bis zur inflationären Verwendung (2x in einem halben Jahr ist kirchengeschichtlich ziemlich oft!) des Zitats nie gefragt hatte, ist, ob Luther hier eigentlich angemessen zitiert wird. Also in welchem Zusammenhang hat er das gesagt, und inwiefern lässt es sich auf heute übertragen?

Die Irrtumsfähigkeit von Päpsten und Konzilien hat Luther an zwei prominenten Stellen ins Feld geführt. (Vgl. auch Spehr, Luther und das Konzil)

Der Satz „Auch Konzilien können irren“ (nach anderer Zitierweise „auch Konzile“, aber was soll’s?) fiel vermutlich bei der Leipziger Disputation 1519: Material ging es in der Leipziger Disputation vor allem um den Primat des Papstes, der ja auch nicht immer spannungsfrei mit dem Anspruch der Konzilien war. In diesem Zusammenhang stellt Eck Luther in die Nähe von Ján Hus, der ja auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer verurteilt worden war. Luther weist diesen Vorwurf nicht von sich, sondern vielmehr darauf hin, dass einiges von Hussens Schriften gut christlich sei. Das Urteil des Konzils allein sei noch kein Grund, diesem auch zuzustimmen, denn „auch Konzilien können irren“.

Von Eck war das nicht ungeschickt, denn in der alten Konkurrenz zwischen Papst und Konzilien hat er es geschafft, Luther eine Kritik an beidem zu entlocken. Luther konnte aber an der Kritik an beidem gut festhalten, da er den Primat der Schrift gegenüber jeder menschlichen Autorität – egal ob Papst oder Konzilien – betonte.

Eck ging es im Zusammenhang mit Hus wohl vor allem um dessen Kritik am Papsttum, Luther um die Ablasskritik und das Schriftverständnis. Entscheidend ist aber, dass Luther, der zu dieser Zeit immer noch auf ein klärendes Konzil hoffte, hier nun auch die Begrenztheit von dessen Entscheidungen betont und sich ein auf der Schrift begründetes abweichendes Urteil erlaubt.

Das zweite Mal war es 1521 auf dem Reichstag zu Worms, als er aufgefordert worden war, seine Schriften zu widerrufen. Seine oft zitierte Antwort lautete:

Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir. Amen.

Luther führt hier das Argument, dass Papst und Konzilien geirrt und sich selbst widersprochen haben, als ein fast selbstverständliches ein. Beispiele nennt er nicht. Die Tatsache früherer Irrtümer ist für ihn keine grundsätzliche Kritik an den Institutionen.  Luther gesteht ja an dieser Stelle auch die eigene Irrtumsfähigkeit zu, da er es für möglich hält, durch Schrift und Vernunft widerlegt zu werden. Die Irrtümer von Päpsten und Konzilien sind lediglich ein Grund, nicht allein wegen ihrer Entscheidungen seine Schriften zu widerrufen.

Auf heutige Debatten bezogen: Noch nie ist m.W. in der Geschichte der Evangelischen Kirche ein Kritiker oder Minderheitenvertreter einer Synodenentscheidung dazu aufgefordert worden, seine Worte zu widerrufen!
Anders als Luther und seine Gegner „bleibt man im Gespräch“ – oder auch im Dissens. Aber es wird kein Bruch vollzogen. Aber wer nicht zum Widerruf aufgerufen wird, muss auch nicht darauf hinweisen, dass er allein wegen eines Synodenbeschlusses nichts widerrufen wird. Und außerhalb dieses Kontextes ist das Zitat sehr wenig brauchbar.

Auf eine Ironie der Geschichte weist O.H. Pesch hin: Die Autorität des Konstanzer Konzils ist heute auch unter katholischen Kirchenrechtlern umstritten.

Eine andere Ironie freilich ist noch spaßiger:
Wer heute Synodenentscheidungen (und bitte immer Lettland und Baden zusammendenken, sonst wird es politisch!) nichts anderes als das Leipziger Lutherzitat „Auch Konzilien / Synoden können irren!“ entgegenhält, tut formal genau das, was Luther in Worms kritisiert hat: Allein unter Berufung auf eine irdische Autorität und ohne Schrift- und Vernunftgründe einen Widerruf fordern.

Im weiteren Nachdenken wird in beiden Fällen meistens dann doch mit Vernunft und Schrift argumentiert. Oft konnte dies zu einem vertieften Verständnis für die jeweils andere Meinung führen, allerdings ohne dass die Argumente an das Gewissen herankamen, das für die Entscheidung mit tragend war. So musste der Dissens bestehen bleiben – meist, ohne sich zu trennen.

Aber dann hätte man auch auf das plakative und noch dazu völlig unstrittige Zitat verzichten und gleich zu anständigen Argumenten kommen können.

Man wird ja noch träumen dürfen.

(Meine Überlegungen werden mit ein paar Fragen Richtung Gegenwart vorläufig hier abgeschlossen.)

 

 

Synoden können irren – na und?

Im April dieses Jahres beschloss die Landessynode der Ev. Kirche in Baden, dass in Zukunft auch eingetragene Lebenspartnerschaften kirchlich getraut werden können. Wie das bei Beschlüssen so ist, fanden die einen das gut, die andern nicht. Sie taten das mit anderen Worten und mit je nach Standpunkt des Betrachtenden mehr oder weniger einleuchtenden Begründungen, aber darauf lief es hinaus.
Im Juni dieses Jahres beschloss die Synode der Ev.-Luth. Kirche Lettlands, dass in Zukunft keine Frauen mehr ordiniert werden sollten. Die einen fanden das nicht gut, die andern doch. Mit andern Worten und je nach – siehe oben.

Es geht mir jetzt nicht um die materiale Bewertung dieser Beschlüsse (ich möchte die Bereicherung, die ich durch Kolleginnen und Kollegen erfahre, welche in diesen Punkten anderer Ansicht und Praxis sind als ich, nie missen!), sondern um ein Argument, das in beiden Fällen erstaunlich schnell von den Kritikerinnen und Kritikern ins Feld geführt wurde:

Auch Konzilien können irren!

Das habe Martin Luther gesagt, und das würde ja wohl für Synoden genauso gelten.

Was natürlich stimmt. Aber was soll das heißen?
Eine Synode ist, wenn ich kirchenrechtlich und -geschichtlich einigermaßen informiert bin, nicht ganz dasselbe wie ein Konzil, aber dort, wo es keine Konzilien gibt, erfüllt sie viele seiner Funktionen. Und selbstverständlich kann sie irren.

Die beiden Synoden Badens und Lettlands wären vermutlich auch die letzten, die diesen Satz bestreiten würden. Schließlich haben ihre Beschlüsse ja  ältere Entscheidungen revidiert oder gar rückgängig gemacht. Was ja wohl nicht ginge, wenn die Synoden damals sich nicht zumindest teilweise geirrt hätten. Weil sie einfach falschen Informationen aufgesessen waren oder aus ihrer Zeit heraus urteilten oder was auch immer.
So würde wohl auch keine der beiden Synoden ihrem jetzigen Beschluss den Rang eines Dogmas verleihen. Ein demokratisches Gremium entscheidet immer nach bestem Wissen und Gewissen – und dazu gehört auch immer das Wissen um die eigene Fehlbarkeit. Sowohl Baden als auch Lettland argumentieren, dass ihre Entscheidung dem Evangelium  von Jesus Christus entspricht. So wie es die damaligen Synoden bei ihren Entscheidungen auch taten. In ihrem Gewissen an die Heilige Schrift gebunden, haben sie nach bestem Wissen die Entscheidung getroffen, die ihnen am ehesten dazu passend erschien.

Gleichzeitig haben beide Synoden ein klares Signal gesetzt, dass ihrer Ansicht nach durchaus verschiedene Auslegungen als mit dem Evangelium vereinbar respektiert werden können: Sie haben abgestimmt!
Über die Bindung an die Heilige Schrift an sich wird in Synoden nicht abgestimmt. Die steht in den Präambeln der kirchlichen Verfassungen. Die wird bei Gründung einer Kirche einmal beschlossen, aber ich wüsste auch nicht, dass es dazu jemals Gegenentwürfe gegeben habe. Es ist an dieser Stelle völlig klar: Wenn wir christliche Kirche sein wollen, steht dieser Punkt nicht zur Debatte. Andere Fragen stehen zur Abstimmung. Wer so ein Verfahren auf die Tagesordnung setzt, sagt: Ich könnte mich irren. Und: Zukünftige Generationen könnten zu der Einsicht kommen, dass wir heute geirrt haben, und müssen dann neu abstimmen. Diese Aussicht mag uns nervös machen, aber so funktionieren demokratische Gremien.

Ich versteige mich zu der gewagten These: Jede Synode weiß, dass Synoden irren können! Sonst würden sie gar nicht zusammentreten.

(Ich frage mich bei der Gelegenheit gerade, wie demokratisch eigentlich die Konzilien waren.)

Wenn also nach einem Synodenentscheid mal die einen, mal die andern das Lutherzitat von irrtumsfähigen Konzilien hochhalten, was ist damit anderes gesagt als: „Ich find das nicht richtig, was die gemacht haben“?

Im folgenden interessieren mich dabei zwei Fragen:

  1. Worauf bezog sich Luthers Äußerung überhaupt?
  2. Was hat die Äußerung für praktische Konsequenzen?

Und weil das hier schon sehr viel länger wurde als geplant, mache ich daraus wohl ein bis zwei weitere Beiträge.