Warum „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ ein unchristlicher Satz ist

Ja, ich faste Social Media, aber bloggen zählt nicht dazu, da ist bei mir die Suchtgefahr auch nicht so groß, aber ich weiß natürlich, dass dies in meinen Accounts auftauchen wird. Ist halt ein Lebenszeichen, was soll’s?

Hab auch zuerst überprüft, ob Philipp Kurowski oder Michael Coors nicht bereits etwas dazu geschrieben haben, was in dem Fall ungleich klüger wäre als alles, was ich hier verbreiten könnte. Haben sie nicht. Darum darf ich:

Die Debatte, ob „der Islam“ (was ist das?) zu „Deutschland“ (was ist das?) „gehört“ (was ist das?) ist alt und nervig, und der Satz, ob mit oder ohne Negierung, eigentlich völlig ohne Aussage, weil er nur drei Chiffren enthält, die jeder füllen kann, wie sie will. Verständlich wird er erst durch Kontext und Begründung.

Jetzt hat der Herr Innenminister ihn wieder mal rausgehauen, mit Negierung natürlich. Wie er das meint – außer der Intention zu poltern und andern die Show zu stehlen – erklärt sich erst aus der Begründung, die er nachlieferte:

„Dass Deutschland geschichtlich und kulturell christlich-jüdisch und nicht islamisch geprägt ist, kann doch niemand ernsthaft bestreiten.“

Könnte man durchaus und auf den Einfluss des Islam auf Kultur, Wissenschaft und Medizin in Europa hinweisen. Eine Erinnerung an die Bedeutung der Mauren für die Medizin könnte auch die derzeitige Debatte über so manche „Mohren-Apotheke“ entschärfen. Auch käme es gut an, wenn ein ehemaliger Gesundheitsminister mal von Averroes oder Avicenna gehört hätte. Aber vielleicht ist Einfluss noch etwas anderes als Prägung. Dann würde der Satz stimmen.
Man könnte auch fragen, ob es einer christlich-jüdisch geprägten Kultur nicht gut zu Gesicht stünde, Menschen in Not bedingungslos aufzunehmen und mit ihnen unseren Reichtum zu teilen. Lassen wir auch das heute mal und stimmen dem Herrn Innenminister for the sake of the argument zu. Dann ergibt sich folgende Regel: Wenn ein Land in seiner Kultur von einer Religion geprägt sei, dann gehöre eine andere Religion nicht zu diesem Land.

Deutschland jüdisch-christlich geprägt. Ja, das stimmt historisch. Denn auch wenn der nahöstliche Erlöserkult nicht aus Deutschland stammt – das Deutschland, das wir mit einigen Modifikationen seit Karl dem Großen kennen, ist weder territorial noch ethnisch noch kulturell das Germanien, in das dieser Erlöserkult mal kam.

Gehört damit keine andere Religion dazu? Sind uns zwar die jeweiligen Gläubigen grundsätzlich als Mitbürgerinnen willkommen, aber ihre Religion darf bitte nicht  kulturprägend wirken?

Das müsste dann ja auch umgekehrt gelten. Dass die Türkei oder der Iran, Malaysia oder die Malediven geschichtlich und kulturell durch den Islam geprägt sind oder Sri Lanka oder Mynmar durch den Buddhismus und nicht durch das Christentum, kann doch auch niemand ernsthaft bestreiten. (Siehe oben die Gedanken zur Unterscheidung von Einfluss und Prägung.) Nach dieser Logik gehört das Christentum nicht zur Türkei oder zum Iran. Wer als Christ in diesen Ländern nicht nur im Sinne eines „religiösen Existenzminimums“ im stillen Kämmerlein glauben, sondern seinen Glauben wirklich ausüben möchte, soll sich eben nicht wundern, wenn das in diesem Land nicht geht und Verstöße unter Strafe stehen. Kann ja nach Deutschland auswandern. Ach so, nee …

Sich als CSU-Politiker in Zukunft für, sagen wir mal, den Bau von Kirchen in der Türkei einzusetzen, geht mit der Logik natürlich nicht mehr. Denn das Christentum gehört ja nicht zu einem islamisch geprägten Land.

So meint der Herr Innenminister das wohl nicht, aber es ist blöderweise die logische Konsequenz aus der Begründung seiner Äußerung. Außer er wollte der einen Religion mehr Rechte zugestehen als der anderen, was wieder ein problematisches Verständnis des Rechtsstaats wäre – und das kann ich mir bei einem Innenminister nicht vorstellen (*scnr*). Die Begründung seiner Islam-Äußerung ist darum ein Schlag ins Gesicht für Christinnen und Christen weltweit, die unter Einschränkungen und Verfolgung zu leiden haben. Ihnen wird, wenn sie auf Religionsfreiheit pochen, dieselbe Logik begegnen. Pech gehabt. Verfolgte Christinnen und Christen haben einen weiteren glaubwürdigen Fürsprecher in Deutschland verloren.

Wer die Zugehörigkeit einer Religion zu einem Land jeweils auf das Land beschränkt, das schon durch sie geprägt ist, hat Religion nicht verstanden. Man kann Religionen mit mehr oder weniger (meist weniger) guten Gründen komplett ablehnen. Dann gehören sie nirgendwo hin. Oder man respektiert sie in ihrem Selbstverständnis. Dann gehören sie überall hin, oder es sind keine Religionen, sondern bloß Regionalkulte. Dass eine Religion nur an manche Orte gehört, aber an andere nicht – dieser Gedanke ist dem Christentum, das unser Land doch geprägt hat, völlig fremd. Christinnen und Christen in anderen Ländern wissen das noch, unser Innenminister scheint es vergessen zu haben.

Als unser damaliger Bundespräsident den umstrittenen Satz getan hatte, dass der Islam zu Deutschland gehöre, trat er übrigens zwei Wochen später in der Türkei auf, wo man die Debatte sicher aufmerksam verfolgt hatte, und sagte dort: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“ Er hatte es verstanden.

 

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Was Sie in der Vorweihnachtszeit auf keinen Fall tun sollten …

Schön, in diesen Tagen eine Weihnachtsfeier begehen zu können. Ja, ich würde sogar sagen: Feiern. Denn wenn Weihnachten dann erstmal losgegangen ist, dann hat man ja für Weihnachtsfeiern gar keine Zeit. Also besser, wir ziehen es vor. So wie Aldi und Lidl und die anderen. Nicht in den September, aber in den Advent.

Um die Adventszeit so richtig vorweihnachtlich genießen zu können, gibt es ein paar Dinge, die man unbedingt braucht. Und ein paar, die man auf jeden Fall vermeiden sollte.

Was braucht man unbedingt für eine besinnliche Vorweihnachtszeit? Lebkuchen und Kinderpunsch, leichte Weihnachtslieder aus dem Radio oder sogar selbst gesungen. In der dunklen Jahreszeit viele kleine Lichter anmachen. Wenn’s geht, Schnee.
Ich bin selber in diesen Tagen auch über den Weihnachtsmarkt gelaufen, natürlich nur zu wissenschaftlichen Zwecken: Ich habe einen äußerst gewagten Selbstversuch gemacht und kann jetzt aus eigener Erfahrung bestätigen: Ein Weihnachtsmarkt ist, zumindest vormittags, auch nüchtern sehr gut zu ertragen. Wissen viele nicht.

Ein paar Wochen sich so als Familie zu Hause und als Gesellschaft zusammen es sich ein bisschen schönmachen. Ein bisschen heile Welt spielen, nur zwischendurch mal, wir wissen es ja besser. Aber das darf doch auch mal sein. Natürlich.

Es gibt nur eins, was Sie auf jeden Fall vermeiden sollten, wenn Sie nicht wollen, dass Ihnen die schöne Vorweihnachtsstimmung verdorben wird. Ich warne Sie nur einmal: Betreten Sie auf keinen Fall eine Kirche. Vier Ausrufezeichen!

Tun Sie’s nicht. Glauben Sie mir, ich kenn mich da aus.

Denn in der Kirche, da bekommen Sie teilweise tatsächlich etwas vom wahren Leben zu hören. Von der Realität. In der Vorweihnachtszeit! Die haben doch wohl nicht alle Kerzen am Kranz!

Hören Sie nur mal Worte aus dem Predigttext für den 2. Advent:

Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsere Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet, wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du furchtbares tust, dass wir nicht erwarten. (Jesaja 63f)

Oder hier, aus dem Neuen Testament, da gilt ja meist als etwas netter:

Und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. (Lukas 21)

Es ist, als würde man die Tagesschau anmachen, nur noch schlimmer. Noch verdichteter. Die Bibeltexte der Adventszeit, und auch viele der Lieder, die dort gesungen werden, die erzählen von einer kaputten Welt, die sich nach Heilung sehnt. Von einer unerlösten Welt, die nach Erlösung schreit. So wie wir sie sonst schon das ganze Jahr haben. Ist so etwas in der Vorweihnachtszeit eigentlich erlaubt? Fünf Fragezeichen, drei Ausrufezeichen.

Klar, manche Leute sagen: Religion ist was für Leute, die vor der Realität flüchten wollen. Aber passen Sie auf. Wenn Sie wirklich vor der Realität flüchten wollen, dann machen Sie zumindest in der Adventszeit einen großen Bogen um jede Kirche!

Außer, Sie wissen, dass Sie das mit dem Ausblenden des echten Lebens doch nicht dauerhaft hinbekommen.

Dann hat man zwei Möglichkeiten: Man lässt den Trubel der Besinnlichkeit gleich und begeht den Dezember wie jeden anderen dunklen Monat auch. Oder man hofft, dass Gott selber auch nicht vor der Realität flüchtet. Darum geht es im Advent und an Weihnachten: Gott ist aus seiner perfekten Dimension, wo alles heil ist, mitten reingekommen in das wirkliche Leben. In die kaputte und unerlöste Welt. Um sie heil zu machen, um sie zu erlösen.  Um das zu hören, ist die Kirche vielleicht doch eine ganz gute Adresse. Um es zu feiern, jeder Ort.

(Überarbeitung einer kleinen Schreibübung, aus der eine Ansprache bei einer Seniorenweihnachtsfeier wurde.)

Die Anhörung

„Nummer 42 bitte!“

(Mann tritt ein und setzt sich)

„Herr Al-Rashid, schön, dass Sie’s einrichten konnten. Ich hab mir Ihre Unterlagen und den Antrag angesehen, jetzt würde ich es gern noch mal genauer von Ihnen hören. Sie sind Versorger für einen UMF, richtig?“

„Einen was?“

„UMF, unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Wie kam es dazu?“

„Ich habe doch meinen Laden an der Straße Richtung Osten. Da habe ich vor ein paar Wochen den Stand aufgemacht, da sehe ich, wie ein ganzer Anhänger voll mit Menschen angekarrt kommt. Kaum, dass ich einzelne Gesichter erkennen konnte, ist der Fahrer abgesprungen und davongerannt. Die Menschen auf dem Anhänger sind sofort in die Stadt reingelaufen. Nur dieser Junge blieb übrig. Stand da einfach so rum.“

„Und Sie haben ihn erstmal zu sich genommen? Einfach so?“

„Was hätte ich sonst tun sollen? Er konnte da ja nicht in der Hitze stehenbleiben.“

„Hatten Sie da keine Bedenken? Man hört ja, dass die jetzt sogar Kinder für ihre Zwecke einsetzen.“

„Die?“

„Na die selbsternannten Freiheitskämpfer, da im nahen Osten.“

„Und dann hätte man ihn verdursten lassen sollen?“

„Naja, nein, nicht sofort, ich meine … erzählen Sie doch mal weiter. Wie alt ist der Junge?“

„Das kann ich nicht genau sagen.“

„Ist bei denen auch immer schwer zu erkennen, nicht wahr.“

„Mindestens 3, höchstens 5, würde ich sagen.“

„Und da schickt man ihn allein los? Haben die da drüben denn keine Jugendämter?“

„Das müssten Sie als Sachbearbeiter besser wissen als ich.“

„Wissense, da müsste ich mich auch erst schlau machen. Ist meine erste Woche hier.“

„Kenn ich.“

„Aber ich meine, es ist doch äußerst ungewöhnlich, dass ein höchstens 5-jähriger auf so eine Reise allein geschickt wird.“

„Es war wohl so auch nicht geplant. Er selber spricht unsere Sprache kaum, aber er hatte ein Schreiben seiner Eltern mit. Ich meine, ich habe Ihnen das auch geschickt.“

„Richtig richtig. Die Eltern behaupten, dass sie mit ihm gemeinsam auf der Flucht waren.“

„Genau. Anscheinend bestand für das Kind dort, wo sie waren, akute Lebensgefahr.“

„Was hatte es denn angestellt?“

„Wenn ich es richtig verstehe, nichts. Aber sein Geburtsort wird wohl von der Regierung als Herd des Aufstandes gesehen. Und jetzt hat der Herrscher angeordnet, an den Kindern ein Exempel zu statuieren.“

„Psychologische Kriegsführung. Wenn die Kinder in Gefahr sind, werden die Eltern gefügig. Grausam.“

„So ähnlich war es wohl. Das müsste man die Eltern fragen.“

„Ja, genau, was ist jetzt mit den Eltern?“

„An der Grenze aber ging es nicht weiter. Sie können sich vorstellen, dass die Familie nicht auf den Hauptstraßen unterwegs war. Man brauchte Leute, die sich auskennen.“

„Schlepper.“

„Wenn Sie es so nennen wollen. Und die brachten sie bis zu einem abgelegenen Bergpass und sagten dann, sie wollten mehr Geld.“

„Hört man ja immer wieder.“

„Sie sagten, sie hätten nur mit einem Menschen geplant, und jetzt mit dreien sei das ein viel zu großes Risiko, sie müssten mehr Geld haben.“

„Was die Familie nicht aufbringen konnte.“

„Sie hatten wohl zu Hause mehr. Geschenke noch von der Geburt. Aber sie waren sehr schnell aufgebrochen, nur mit dem nötigsten.“

„Und dann haben die Eltern diese Nachricht geschrieben und ihr Kind allein den Schleppern mitgegeben?“

„So scheint es.“

„Das ist ja wahnsinnig leichtsinnig!“

„Es scheint, die Familie hat ein ziemlich starkes Gottvertrauen.“

„Leichtsinnig finde ich es trotzdem. Der Junge hätte ja bei wer weiß wem landen können.“

„Er ist ja jetzt bei mir. Und verstehen Sie mich richtig, er ist ein Prachtkerl. Hilft mir sogar schon an manchen Tagen im Laden. Aber nachts höre ich, wie er sich hin und her wälzt. Manchmal weint er sich in den Schlaf. In anderen Nächten wache ich auf, weil jemand ‚Abba‘ ruft, das heißt ‚Papa‘ in seiner Sprache. Aber ich weiß, er meint nicht mich. Dann lausche ich und höre ihn mal nach Mutter, mal nach Vater schreien. Ich weiß nicht, was er alles durchgemacht hat, aber er verarbeitet im Traum eine Menge schrecklicher Ereignisse.“

„Scheint, dass der Junge psychologische Hilfe braucht, oder?“

„Vor allem braucht er seine Eltern!“

„Und das ist nun der Anlass für Ihren Antrag.“

„Genau.“

„Ja, ich hab es hier stehen. Familiennachzug. Die Eltern sollen dem Jungen hinterher reisen dürfen.“

„Das … das ist der Antrag.“

„Also ich sag’s Ihnen ehrlich, Herr Al-Rashid. Ich hab ja die Regeln nicht gemacht. Aber da gibt es schon ein paar Sachen, die wir überprüfen müssten. Das Schicksal dieses Kindes ist natürlich ganz bedauerlich. Wenn es denn stimmen sollte.“

„Davon sollte man ausgehen.“

„In den Nachrichten war nichts davon.“

„Als ob unsere Leute sich dafür interessieren würden. Hier geht es doch nur um sichere Grenzen.“

„Ja ja, aber auch wenn es stimmt, der Junge ist ja jetzt erstmal in Sicherheit. Den Eltern droht keine akute Gefahr. Und es muss ja auch vermieden werden, dass sie bloß in unsere Sozialsysteme einwandern, nicht wahr?“

„Da müssen wir uns keine Sorgen machen. Der Vater ist Handwerker, der kann für sich und die Familie selbst sorgen.“

„Also unseren Leuten die Arbeit wegnehmen?“

„Was?“

„Wie gesagt, ich hab die Regeln nicht gemacht. Man hört auch, dass die weiter oben gerade neu verhandeln, wie das mit dem Nachzug von Angehörigen sein soll. Der Junge wird ja auch nicht politisch verfolgt, sondern sollte bloß erstmal aus der Schusslinie, nicht wahr. Wenn die Lage sich ändert, kann er ja problemlos zurück.“

„Das will er ja auch, aber wer weiß, wie lang das dauert!“

„Das weiß man nie. Aber wir können doch nicht alle aufnehmen, denen es schlechter geht als uns. Das wird also nicht ganz einfach mit dem Familiennachzug.“

„Aber sie prüfen den Antrag?“

„So gründlich wie es geht. Vielleicht lässt sich da ja was machen. Und bis dahin ist er ja gut bei Ihnen aufgehoben, der kleine – wie sagten Sie, heißt er?“

„Jesus.“

 

(mit ein bisschen Inspiration von und Dank an Susanne Niemeyer)

5 neue Ablassthesen Martin Luthers entdeckt

Wittenberg / Bielefeld – Hätte die Reformationsgeschichte völlig anders verlaufen können? Darauf deutet ein Sensationsfund von Archäologen der Universität Bielefeld hin, der bei den Bauarbeiten zur Renovierung der Wittenberger Schlosskirche zutage trat.

„Wir haben es erst selbst nicht geglaubt, aber die Nummerierung und die unverkennbare Handschrift ließen am Ende keinen Zweifel mehr zu“, äußert sich Prof. Dr. Margrit Waendehamer immer noch sichtlich bewegt. „Schon lange haben Lutherforscher gefragt, warum es genau 95 Thesen waren. Ist ihm einfach nichts mehr eingefallen oder was? Ich meine, wir reden hier von Martin Luther!“ Aber die Lösung scheint noch prosaischer. „Allem Anschein nach hat er die Thesen 96-100 auf ein weiteres Blatt geschrieben. Dieses ist ihm dann auf dem Weg zur Schlosskirche verloren gegangen, was er in der Dunkelheit des Allerheiligenvorabends nicht bemerkte. Wahrscheinlich hat eine Ratte sie in ihren Bau geschleppt, das Papier für ungenießbar befunden und wurde dann in einer Luftblase unter einer Kürbislaterne isoliert. Erst jetzt im Zuge der Öffnung des Bodens konnte das fehlende Blatt sichergestellt werden.“

Reformationsbotschafterin Margot Käßmann zeigt sich erstaunt und leicht angeheitert von der Meldung. „Das eigentlich Erstaunliche ist doch gar nicht der Fund oder gar“ – sie schmunzelt – „der Inhalt des Schriftstücks, sondern der Umstand, wie naheliegend diese Antwort auf die Frage nach der Anzahl war. Natürlich waren es 100 Thesen, das war eine runde Zahl. Jemand wie der Marburger Theologe Rudolf Bultmann wäre wahrscheinlich sofort drauf gekommen, dass da ein Blatt verlorengegangen sein muss. Aber der hat sich ja bloß immer fürs Neue Testament interessiert.“

Ganz uninteressant ist der Inhalt der Thesen 96 bis 100 freilich gerade für die Ökumene nicht. Darin äußert sich der damalige Wittenberger Professor explizit zur finanziellen Situation der Kirche und zur Lösung ihres Schuldenproblems. So schreibt er:

96. Man soll die Christen vermahnen, dass es ein gar unchristlich Geschäft sei, Geld auf Zins zu verleihen, wie denn auch Moses schreibt Leviticus 25.
97. Desgleichen soll man lehren, es sei nicht recht, dass die Kirche mit auf Zins geliehenem Gelde einen Dom baue.
98. Wo dergleichen aber geschehen, muss die Kirche sich befleißigen, die Schulden samt Zins recht bald zu begleichen.
99. Es ist aber kein rechter Umgang mit des Papstes Ablass, diesen zu solchem Zwecke für Geld zu verkaufen.
100. Dem abzuhülfen gedenke ich, weitere Schriften, etwa von Ablass und Genaden sowie von der Freiheit eines Christenmenschen, einen Katechismus und, so es die Zeit erlaubt, eine teutsche Übersetzung der Heiligen Schrift zu verfassen, den Erlös aus deren Verkauf ich der Begleichung der Schulden des Papstes gleich wie dem Bau der Peterskirche zu Rom stifte, welches ein gottwohlgefälliges Werk ist.

„Luther war an Geld bekanntermaßen wenig interessiert“, weiß auch Bert Kardinal Becker (Name geändert) vom Päpstlichen Rat zur Förderung der  Einheit der Christen. „Insofern verwundert es nicht, dass er den Erlös aus seinen Schriften zu spenden gedachte. Und seien wir mal ehrlich: Klar haben wir mit theologischer Begründung seine Lehren bis heute nicht akzeptiert. Aber die Kirche stand damals vor allem wegen ihrer Schulden bei den Fuggern unter enormem Druck. Der Verkauf der Ablässe war gewissermaßen das erste erfolgreiche Fundraising-Modell. Das haben viele protestantische Kirchen gerade in Amerika, theologisch nur leicht modifiziert, fast unverändert übernommen. Da hätten wir mal Urheberrecht drauf einklagen sollen.“ Becker findet den Faden wieder: „Da kam nun dieser Mönch und sagte, es sei theologisch gar nicht haltbar. Wenn Sie versprechen, meinen Namen da rauszuhalten: Damit hatte er natürlich Recht. Aber stellen Sie sich mal vor, wir hätten das zugegeben. Dann würden wir heute noch an der Begleichung der Zinsen sitzen.“

In diesem Licht ist Luthers Angebot, nun selbst zur Finanzierung des Petersdoms beizutragen, gar nicht hoch genug einzuschätzen. „Letztlich hätten weder Eck noch Cajetan noch der Heilige Vater selbst irgendein Interesse daran gehabt, gute andere Modelle zu unterdrücken. Vielleicht hätte man in Frankreich, Italien, Spanien weiter Ablassbriefe verkauft und in Deutschland gleich dreimal so viel Geld mit Luthers Schriften gemacht“, so Becker. „Ein bisschen hätten wir, um das Geschäft anzukurbeln, ihn zum Rebellen gegens Ausland stilisiert, sowas gefällt den Deutschen ja immer gut. Aber unterm Strich hätten die Kirche davon viel mehr profitiert als von diesem Idioten Tetzel. Und ganz nebenbei wäre es wahrscheinlich nie zur Spaltung der abendländischen Kirche gekommen. Das wäre doch auch nicht schlecht, oder?“

Dunkelheit und Windstoß an Halloween 1517 führten wahrscheinlich dazu, dass die Geschichte anders verlief. So feiert die Lutherische Kirche dieses Jahr den 500. Jahrestag der Veröffentlichung eines – wie wir jetzt wissen – unvollständigen Thesenpapiers.

Schönen Reformationstag!

Ein Hochzeitslied

Die Rückmeldungen, die meine Erstlektoren mir zu meiner Halleluja-Dichtung gaben, ließen mich ja nicht ruhen, eine gottesdienstlich taugliche kurze zu dichten. Der erste Versuch ist einer für Hochzeiten. Da hätte man nun wiederum zwei Möglichkeiten: Die klassische wäre, es als Lied der Gemeinde zu Gott für das Brautpaar zu machen. Lass Dich nicht aufhalten, Malte! Die andere, die sich bei mir eher ergab, macht es zum Lied des Brautpaares, in das die Gemeinde mit einstimmt, ähnlich wie bei den Hochzeitsfassungen des „Danke“-Liedes. Der Refrain ist auch hier nicht mit wiedergegeben, weil er sowieso klar ist.

  1. Gemeinsam kommen wir zu dir.
    Vor deinen Stufen stehen wir,
    um heute das Versprechen abzulegen,
    uns treu zu sein ein Leben lang.
    Herr, höre unsern Lobgesang,
    und sprich zu unsrer Liebe deinen Segen.
  2. Wir gehen in die neue Zeit
    bereit für Harmonie und Streit,
    vereint auf schönen und auf schweren Wegen.
    Doch wird das Leben für uns zwei
    vollkommen nur, bist du dabei.
    Auf jedem Schritt begleite uns dein Segen.
  1. Du liebtest uns von Anbeginn
    und trägst uns bis zum Ende hin,
    wenn einst wir uns zur letzten Ruhe legen.
    Lass lieben uns, wie du uns liebst,
    barmherzig sein, wie du vergibst.
    Herr, setze füreinander uns zum Segen.

 

Ein Versuch, ein unübersetzbares Lied zu meinem zu machen

Nachdem der wunderbare Malte Detje dieser Tage mit brillanten Übersetzungen alter englischer Anbetungslieder um die Ecke kam, fühle ich mich ermutigt, ein ganz eigenes, ähnliches und doch ganz anderes Liedprojekt in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ich reagiere damit auf Anfragen nach einem tollen und immer beliebteren Lied. Ob man das nicht auch mal im Gottesdienst singen könne. Oder spielen. Was man nicht kann.

Leonard Cohens „Hallelujah“ ist ein bewusst säkulares Lied. Es spielt zwar mit biblischen Motiven (David, Simson), aber wollte nie für liturgischen Gebrauch eingesetzt werden. Die Idee aber, dass das „Hallelujah“ nicht immer fröhlich klingt, dass es häufig im Leid und in Krisen geboren wird, scheint mir nicht säkular, sondern gut biblisch – auch wenn wir dies in unseren Frömmigkeiten oft vergessen.

Immer häufiger wird dieses Lied von Familien für Gottesdienste gewünscht, speziell für Trauungen und –erfeiern. Auf Trauerfeiern spiele ich es vom Band und kann mit der Symbolik und existentiellen Tiefe gut leben, unabhängig von einzelnen Bildern, auf Trauungen ist es tabu. Ich meine, Leute!, Strophe 2 mit ihrer Anspielung auf 2. Samuel 11 geht auf einer Hochzeit gar nicht! Eine auf youtube kursierende deutsche Hochzeitsfassung ist säkular, aber dazu noch Kitsch hoch 3, gottesdienstlich völlig unbrauchbar.

Ich wünschte mir daher schon länger eine für Gottesdienste singbare deutsche Fassung dieses wunderschönen Liedes. Weil ich keine fand, fing ich selber an zu dichten. Mir war wichtig, die Tiefe eines aus dem Leid entspringenden Gotteslobs aus dem Original zu erhalten. Jeden Versuch, auf „Halleluja“ zu reimen, hielte ich im Deutschen für völlig gekünstelt und habe ihn daher verworfen zugunsten eines „reimbareren“ Wortes. Der hier vorgelegte Versuch wurde eher ein christliches Vortragslied als ein Gemeindelied. Eine gewisse christologische Unschärfe ist dem Charakter des Lobpreisliedes sowie der jüdischen Herkunft des Originals geschuldet. Mein Text ist dezidiert christlich, aber wenn ein Jude (oder gar Muslim?) ihn auch mitsingen könnte, würde ich das hier nicht als Schwäche ansehen. Ich danke Rüdiger Fuchs und Stefan Iserhot-Hanke für das freundliche und ehrliche Lektorat. Die meisten ihrer Vorschläge sind hier eingeflossen. Die Idee, es durch Wir-Form allgemeiner singbar zu machen, war schön, hätte aber aus einem guten Vortrags- ein mittelmäßiges Gemeindelied gemacht. Darum sei dieses persönliche Gebetslied nun der Öffentlichkeit und weiteren Verbesserungsideen zur Verfügung gestellt. Ein Entwurf einer Hochzeitsfassung folgt.

  1. An Tagen, wenn das Leben glückt,
    mit Freundlichkeit es mich anblickt,
    mir schenkt, womit ich Leib und Seele nähre –
    das Dunkel aus dem Herzen weicht,
    das Licht einbricht, dann fällt es leicht,
    entspringt von selbst ein Lied zu deiner Ehre.
  2. Ein Schatten liegt schon lang auf mir,
    vergebens rufe ich nach dir,
    seit dein vertrautes Wort ich nicht mehr höre.
    Bin kalt und leer und spür dich nicht,
    doch such ich weiter dein Gesicht.
    Mein Klageschrei noch klingt zu deiner Ehre.
  3. Hab oft mich weit von dir entfernt,
    am Ende einzig dies gelernt:
    Der Weg zerrinnt, auf dem ich mich abkehre.
    Doch du bliebst deiner Liebe treu,
    riefst mich zurück und sprachst mich frei,
    erneuertest mein Leben dir zur Ehre.
  4. Zum frischen Quell, durchs dunkle Tal,
    ins Feindesland, zum reichen Mahl,
    bist Hirte du, bei dem ich nichts entbehre.
    Auch wenn kein Wunder mir geschieht,
    dein Auge Tag für Tag mich sieht.
    Mein Tagewerk geschehe dir zur Ehre.
  1. Die Wüstenglut, der rote Mohn,
    ein Kinderblick, der Orion,
    der Körner und der Sterne große Heere,
    das Auge durch die Sphären schweift,
    mein Herz erbebt, und es begreift:
    Das Weltall ist erfüllt von deiner Ehre
  2. In Frieden sing ich dir allein,
    doch scheint mir oft das Lied zu klein,
    gebührt dir doch der Vollklang aller Chöre.
    Dann lässt du meine Seele sehn:
    Milliarden andre vor dir stehn,
    so klingt die Symphonie zu deiner Ehre.
  3. Du riefst bei meinem Namen mich,
    Nennst dein mich, und ich fürchte nicht
    die unstillbaren Fluten tiefster Meere.
    Und lässt du mich durchs Feuer gehn,
    brennst du mit mir, und es entstehn
    im Leid noch neue Klänge dir zur Ehre.
  1. Am Ende meines Weges dann,
    wenn keinen Trost ich sehen kann,
    den Tod vor Augen, Angst vor ewger Leere,
    blickt unbeirrt dein Angesicht
    mich an, ziehst du mich in dein Licht.
    Noch ewig singen wir zu deiner Ehre.

Berliner Lehrerin provoziert mit Feindesliebe

Berlin / Karlsruhe – Der Fall hatte weit über Berlin hinaus Wellen geschlagen: Nachdem eine Lehrerin aus dem deutschen Problembezirk auf Dienstanweisung hin ihre Halskette mit Kreuz abgenommen hatte, beschwerte sie sich bei einem Pfarrer darüber. Dieser wandte sich an die Kirchenleitung und Synode, worauf dann sogar die Presse es für eine Story hielt.

In Berlin gilt in öffentlichen Einrichtungen ein sogenanntes Neutralitätsgesetz. Es verbietet allen dort Mitarbeitenden das Tragen religiöser Symbole. Was die Ablehnung von allem Religiösen genau zur Neutralität macht, ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen. „Echte Neutralität wäre doch eine duldende Indifferenz, die sich daran nicht weiter stört“, gab Bischof Markus Dröge zu Protokoll. „Sobald etwas zu religiös konkret wird, etwa auf sowas wie einen Gott hinweist, kann man es doch einfach zur Kenntnis nehmen und danach nicht weiter beachten. Mit dieser Art von Neutralität haben wir als Evangelische Kirche gute Erfahrungen.“ Auf Nachfragen zum Neutralitätsverständnis des Landes haben dessen Vertreter bisher unter Berufung auf ihre Neutralität jede Aussage verweigert.

Verschiedenen Berichten zufolge wurde die Lehrerin in den letzten Tagen gesehen, wie sie einen Anhänger mit einem christlichen Fisch-Symbol trug. Seit neuestem jedoch hat die Provokation durch die Lehrerin eine neue Eskalationsstufe erreicht.

„Gerade gestern, Alder, hab isch mit meinen Bros ganzen Flur mit Seifenwasser eingeschmiert“, erzählt der Schüler Fritz M., „Digger, die is da lang un hat sisch voll auf’n Arsch gesetzt. Aber weissu, was sie dann macht? Die steht auf und lächelt und sagt: ‚Ich vergebe euch! Geht in Frieden.‘ Scheise, Alder, das is doch nisch normal. Das is doch voll christlisch.“

Sein Klassenkamerad Murat Y. fügt hinzu: „Tatsächlich kann man in diese Umgangsform ganz zweifelsfrei als einen Verstoß gegen das Berliner Neutralitätsgesetz erkennen. Wenn ich aus dem Koranunterricht recht informiert bin, fällt so etwas unter den Begriff der sogenannten Feindesliebe. Und diese ist historisch und sachlich ja wohl eindeutig christlich konnotiert. Im Koran oder im Bürgerlichen Gesetzbuch gibt es dergleichen jedenfalls nicht.“

Andere Mitglieder der Lehrerschaft berichten davon, dass ihre Kollegin neuerdings auf Provokationen wegen ihres Glaubens nur freundlich reagiert. „Neulich habe ich einen vulgären Witz über Jesus gemacht“, erzählt die LER-Lehrerin Kerstin F., „aber sie blieb total freundlich. Später hat sie mir sogar geholfen, meine Ordner zum Auto zu tragen. Perfide Zicke!“

Selbst als sie den stellvertretenden Schulleiter bei dem Versuch gestört hatte, ihre Autoreifen zu zerstechen, soll die Pädagogin lediglich gefragt haben, wie es ihm ginge, und ob sie helfen könne. „Dit hatte schon sehr wat von diesem ‚Andere-Wange-Hinhalten‘!“ erzählt der immer noch schockierte Beamte.

Auch Regierungskreise zeigen sich inzwischen alarmiert. Bildungssenatorin Sandra Scheeres macht es deutlich: „Mein Gott, wie oft muss ich es noch wiederholen? Als öffentliche Einrichtungen des Landes Berlin sind unsere Schulen für Menschen jeder Glaubensrichtung da. Also außer jetzt, sie arbeiten da, dann sollte man es ihnen bitte nicht ansehen. Schmuck- oder Kleidungsstücke, die eine Religion symbolisieren, sind nur eine Möglichkeit, den Glauben zu zeigen. Weiß Gott schlimm genug. Aber wenn sie jetzt mit Barmherzigkeit und Feindesliebe auch noch ein religiös motiviertes Verhalten an den Tag legt, wo soll dann die Grenze sein? Ich hoffe und bete, dass die Kollegin bald zur Vernunft kommt. Wir haben sie daher zu einem Gespräch geladen und vor die Wahl gestellt: Wenn sie auf die nächste Provokation nicht wenigstens mit verbaler Gewalt antwortet wie alle neutralen Berlinerinnen und Berliner, dann war es das mit ihrer Karriere. Sowahr mir Gott helfe!“