2016 beginnt noch einmal von vorn

New York / Rom / Mekka / Delhi / Gallifrey / Himmel / Hölle
In bisher ungekannter Einigkeit haben die Vereinten Nationen gemeinsam mit den großen Religionsgemeinschaften, allen bekannten Gottheiten und den Time-Lords beschlossen, das Jahr 2016 noch einmal zu beginnen.

„Normalerweise würden alle Regeln der Chronologieerhaltung gegen eine solche Maßnahme sprechen“, erklärte ein Sprecher der Time-Lords auf Nachfrage. „Aber in diesem Fall war uns alle klar, dass eine Ausnahme her muss.“

„Völlig richtig“, ergänzt der Apostel Petrus, kommissarischer Pressesprecher für die Unsichtbare Welt, „das nun zu Ende gehende Jahr kann als interessanter Prototyp in unseren Laboren in Ruhe untersucht werden, aber als normales Jahr nimmt es hier schon lang keiner mehr ernst.“

Zwar gibt es im Himmel, auf Erden und im Universum Uneinigkeit, wer zuständig sei, derart weitreichende Entscheidungen über Raum und Zeit zu treffen. Alle in Frage kommenden Stellen haben sich jedoch schnell verständigt, dass die Wiederholung des Jahres „alternativlos“ (so eine uckermärkische Regionalgottheit) sei.

Am 1. Januar soll das Jahr 2016 zunächst mit einem Neujahrskonzert auf der Place de la Concorde in Paris eröffnet werden. Neben den Bands Motörhead, The Eagles und Status Quo haben Solokünstler wie David Bowie, Prince, George Michael und Leonard Cohen zugesagt. Alle kündigten gleichzeitig eine Auszeit für den Rest des Jahres an, da sie sich in eine längere Kur entschieden hätten, um ihre Gesundheit zu schonen. „Wir wollen ja schließlich noch länger was voneinander haben“, so George Michael.

Das kommende Jahr verspricht ansonsten wenig Spannung. Das angekündigte Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der EU gilt als chancenlos, seit eine groß angelegte Kampagne der britischen Jugend unter dem Motto „Unsere Zukunft in Europa“ hunderttausende junger Menschen zu dem Versprechen motiviert hat, am Referendum teilzunehmen. „Und natürlich werden wir für den Verbleib in Europa stimmen“, so Emma Watson, das Gesicht der Kampagne. „Wir sind doch nicht bescheuert.“

In den USA läuft alles auf einen Richtungswahlkampf und ein Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Kandidaten hinaus. EU-Ratspräsident Tusk machte indes klar, dass er sowohl in Carli Fiorina als auch in Bernie Sanders verlässliche Partner zu finden erwartet.

USA, Russland und die verschiedenen syrischen Parteien sind von einer grundsätzlichen Einigung weiter entfernt als je zuvor. Allerdings stellten sie einander in Aussicht, die Differenzen zunächst zurückzustellen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. „Klar“, sagte Assad dazu, „es geht schon um große grundsätzliche Fragen, aber die kann man doch auch später klären. Erstmal sorgen wir gemeinsam dafür, dass in Aleppo keine Kinder sterben müssen. Wir sind doch alle keine Unmenschen.“

Erbitterte Kämpfe können wir also eigentlich nur bei der Fußball-Europameisterschaft erwarten. Als Geheimfavorit gilt Portugal, „allerdings nur solange Ronaldo unverletzt bleibt“. Neulinge wie Island hingegen dürften höchstens in der Gruppenphase für Unterhaltungswert sorgen.

Weltweit wurde die Entscheidung mit großer Erleichterung aufgenommen. Lediglich ein paar Pastoren merkten an, dass sie jetzt nicht wüssten, worüber sie zum Jahresbeginn predigen sollten. Die Jahreslosung 2017 „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“ hätte nach „2016a“, wie es offiziell heißen soll, hervorragend gepasst. Entsprechend waren Auslegungen dazu auch schnell fertig geschrieben. „Aber vielleicht haben wir ja Glück, und sie passt nach dem zweiten Versuch noch besser“, lacht EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm zuversichtlich.

Synoden können irren – und jetzt?

Vor etwa zwei Jahren hat die Landessynode meiner Kirche eine neue Urlaubsregelung beschlossen. Wir Pastorinnen und Pastoren haben weiterhin so um die 6 Wochen Jahresurlaub. Aber Berechnungsgrundlage dafür ist jetzt die 7-Tage-Woche. Bisher war es die 6-Tage-Woche, der Sonntag galt nicht als Urlaubstag. Was eine gewisse Ironie hatte, da wir vor allem für den Sonntag Vertretung suchen mussten.

Die Nordkirche war unter den letzten, die zu dieser Regelung übergingen, und es regte sich Protest: Sollte gerade für Geistliche tatsächlich die 7-Tage-Woche gelten? Was ist denn mit dem Sabbat, der doch ein Geschenk des Schöpfers an seine Schöpfung ist? Ist diese Regelung nicht eigentlich – zumindest mit Fragezeichen fiel m.W. der Begriff – bekenntniswidrig?

Nun, dass auch Synoden irren können, ist ja, wie ich hier und hier herauszuarbeiten versucht habe, völlig unstrittig. Möglich also, dass die Synode hier geirrt hatte. Und andere meiner KollegInnen halten es nicht nur für möglich, sondern sind sich da sicher. Was heißt das nun für ihren nächsten Urlaubantrag?

Genau! Nüscht!

Der Antrag wird so ausgefüllt, wie es formal korrekt ist, da mag die Synode noch so sehr geirrt haben. Es wurde allerdings auf dem Dienstweg protestiert, und es wurde m.W. über eine Nachbesserung nachgedacht.

 

Vor vielen vielen Jahren hat meine Landeskirche beschlossen, nun auch Pastorinnen zu haben. Ich bin danach geboren worden und fand das immer selbstverständlich, und auch die Debatten, die ich später nachlas, konnten mich davon nicht abbringen. Gleichwohl habe ich liebe ältere Brüder im Amt und in Christus, die der Überzeugung sind, die Synode habe da geirrt. Was bedeutet dies nun für ihre Zusammenarbeit mit Pastorinnen?

Schon schwieriger. Die Bischöfin wird anerkannt, Kolleginnen in ihren Gemeinden respektiert. Aber in der eigenen Kirche ließen diese Kollegen jahrelang keine Frau predigen. Auch nicht als Vertretung. Sie sind allerdings unter anderen Rahmenbedingungen angetreten, weswegen diese Praxis toleriert wird. Wer heute bereit ist, Pastor in einer Kirche zu werden, in der alle Getauften nach erfolgreicher Ausbildung ordiniert werden können, wird wohl kaum so eine Sonderlinie fahren können.

Ob man wohl abgesehen von der Praxis immer noch sagen könnte, die Synode habe damals geirrt, aber man lebe jetzt halt damit? Theologisch wäre das inkonsequent. Muss man der Ansicht sein, die Synode habe einen früheren Irrtum korrigiert? Den die Letten jetzt wieder gemacht hätten? Vermutlich sehen es die meisten so.

Aber es gibt natürlich auch die über 90% der Synodenentscheidungen, die mit den Kategorien „Irrtum“ und „Wahrheit“ gar nicht erfasst werden können, weil es einfach Ordnungsfragen sind, die man klären muss. Was jetzt was ist, darüber können die Meinungen dann wieder auseinander gehen, und vielleicht ist auch eine Seite im Irrtum.

 

Nachdem die sächsische Landeskirche vor ein paar Jahren die grundsätzliche Möglichkeit eingetragener Lebenspartnerschaften im Pfarrhaus eröffnet hat, haben einige nicht nur der Synode einen Irrtum unterstellt, sondern der Kirchenleitung vollständig die Autorität abgesprochen. Wunderten sich aber dann, als die Kirchenleitung meinte, wer nicht von ihr geleitet werden wollte, sollte auch nicht für sie arbeiten.

Und letzte Woche hat ein Böblinger Dekan sich über den Beschluss der Württembergischen Landessynode hinweggesetzt und die eingetragene Lebenspartnerschaft zweier Frauen öffentlich gesegnet. Ich warte eigentlich jeden Tag darauf, dass jemand seine Entscheidung mit „Auch Synoden können irren“ verteidigt.

Aber ob jetzt die badische oder die württembergische Synode im Irrtum ist oder beide einfach Ordnungsfragen unterschiedlich geklärt haben, das kann wieder nur in synodalen Prozessen, die ihrerseits selbst irrtumsfähig sind, ausgehandelt werden etc.

 

Die vier Beispiele werfen für mich eher die Frage auf:
Sind irrtümliche Synodenentscheidungen für mich als Mitarbeiter der Kirche verbindlich?
Und ich würde in den meisten Fällen sagen: Ja, das sind sie! Zumindest insoweit, als ich respektieren muss, dass der Spielraum, den sie eröffnen, von anderen genutzt wird. Und in den meisten Fällen in Deutschland erweitern Synodenbeschlüsse ja eher den Spielraum. Sie versuchen, die auf unterschiedliche Weise an die Schrift gebundenen Gewissen nicht zu belasten.

Wo dieser Spielraum eingeschränkt wird – weil das, was möglich sein sollte, nun entweder verboten oder verpflichtend wird – bin ich etwas ratlos. Wenn es mein an die Schrift gebundenes Gewissen belastet (wo es das nicht tut, ist die Frage langweilig), an welcher Stelle ist ziviler Ungehorsam (wie in Böblingen?) geboten, an welcher ist der Wechsel der Kirche (wie es ja einige Gemeinden in Lettland gerade tun) der richtige Schritt?

Vielleicht gibt es da auch keine pauschale Antwort, sondern es ist von Fall zu Fall und von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Oder es gibt ganz klare Antworten, die mir bessere Theologen liefern können, als ich es bin.

Was meiner Meinung nach aber auf keinen Fall ginge, wäre, bei einer unwillkommenen Synodenentscheidung einfach mit dem „Synoden können irren!“-Schild zu wedeln und dann unter dem Dach derselben Kirche zu tun, was ich selber gerade richtig finde. Das wäre theologisch zu billig und rechtlich völlig daneben.

Und dann kann man das Argument auch gleich weglassen, oder?

Synoden können irren – Kontext

Im vorigen Beitrag habe ich gefragt, was Luthers Zitat, dass auch Konzilien irren können, eigentlich für das Selbstverständnis von Synoden bedeuten könnte, und kam zu dem vorläufigen Schluss: Alles und nix. Die Einsicht in die eigene Irrtumsfähigkeit macht es überhaupt erst sinnvoll, demokratisch abzustimmen. Und der Hinweis, dass auch Synoden irren könnten, ist als Kritik an ihnen bloß ein Allgemeinplatz.

Was ich mich bis zur inflationären Verwendung (2x in einem halben Jahr ist kirchengeschichtlich ziemlich oft!) des Zitats nie gefragt hatte, ist, ob Luther hier eigentlich angemessen zitiert wird. Also in welchem Zusammenhang hat er das gesagt, und inwiefern lässt es sich auf heute übertragen?

Die Irrtumsfähigkeit von Päpsten und Konzilien hat Luther an zwei prominenten Stellen ins Feld geführt. (Vgl. auch Spehr, Luther und das Konzil)

Der Satz „Auch Konzilien können irren“ (nach anderer Zitierweise „auch Konzile“, aber was soll’s?) fiel vermutlich bei der Leipziger Disputation 1519: Material ging es in der Leipziger Disputation vor allem um den Primat des Papstes, der ja auch nicht immer spannungsfrei mit dem Anspruch der Konzilien war. In diesem Zusammenhang stellt Eck Luther in die Nähe von Ján Hus, der ja auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer verurteilt worden war. Luther weist diesen Vorwurf nicht von sich, sondern vielmehr darauf hin, dass einiges von Hussens Schriften gut christlich sei. Das Urteil des Konzils allein sei noch kein Grund, diesem auch zuzustimmen, denn „auch Konzilien können irren“.

Von Eck war das nicht ungeschickt, denn in der alten Konkurrenz zwischen Papst und Konzilien hat er es geschafft, Luther eine Kritik an beidem zu entlocken. Luther konnte aber an der Kritik an beidem gut festhalten, da er den Primat der Schrift gegenüber jeder menschlichen Autorität – egal ob Papst oder Konzilien – betonte.

Eck ging es im Zusammenhang mit Hus wohl vor allem um dessen Kritik am Papsttum, Luther um die Ablasskritik und das Schriftverständnis. Entscheidend ist aber, dass Luther, der zu dieser Zeit immer noch auf ein klärendes Konzil hoffte, hier nun auch die Begrenztheit von dessen Entscheidungen betont und sich ein auf der Schrift begründetes abweichendes Urteil erlaubt.

Das zweite Mal war es 1521 auf dem Reichstag zu Worms, als er aufgefordert worden war, seine Schriften zu widerrufen. Seine oft zitierte Antwort lautete:

Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir. Amen.

Luther führt hier das Argument, dass Papst und Konzilien geirrt und sich selbst widersprochen haben, als ein fast selbstverständliches ein. Beispiele nennt er nicht. Die Tatsache früherer Irrtümer ist für ihn keine grundsätzliche Kritik an den Institutionen.  Luther gesteht ja an dieser Stelle auch die eigene Irrtumsfähigkeit zu, da er es für möglich hält, durch Schrift und Vernunft widerlegt zu werden. Die Irrtümer von Päpsten und Konzilien sind lediglich ein Grund, nicht allein wegen ihrer Entscheidungen seine Schriften zu widerrufen.

Auf heutige Debatten bezogen: Noch nie ist m.W. in der Geschichte der Evangelischen Kirche ein Kritiker oder Minderheitenvertreter einer Synodenentscheidung dazu aufgefordert worden, seine Worte zu widerrufen!
Anders als Luther und seine Gegner „bleibt man im Gespräch“ – oder auch im Dissens. Aber es wird kein Bruch vollzogen. Aber wer nicht zum Widerruf aufgerufen wird, muss auch nicht darauf hinweisen, dass er allein wegen eines Synodenbeschlusses nichts widerrufen wird. Und außerhalb dieses Kontextes ist das Zitat sehr wenig brauchbar.

Auf eine Ironie der Geschichte weist O.H. Pesch hin: Die Autorität des Konstanzer Konzils ist heute auch unter katholischen Kirchenrechtlern umstritten.

Eine andere Ironie freilich ist noch spaßiger:
Wer heute Synodenentscheidungen (und bitte immer Lettland und Baden zusammendenken, sonst wird es politisch!) nichts anderes als das Leipziger Lutherzitat „Auch Konzilien / Synoden können irren!“ entgegenhält, tut formal genau das, was Luther in Worms kritisiert hat: Allein unter Berufung auf eine irdische Autorität und ohne Schrift- und Vernunftgründe einen Widerruf fordern.

Im weiteren Nachdenken wird in beiden Fällen meistens dann doch mit Vernunft und Schrift argumentiert. Oft konnte dies zu einem vertieften Verständnis für die jeweils andere Meinung führen, allerdings ohne dass die Argumente an das Gewissen herankamen, das für die Entscheidung mit tragend war. So musste der Dissens bestehen bleiben – meist, ohne sich zu trennen.

Aber dann hätte man auch auf das plakative und noch dazu völlig unstrittige Zitat verzichten und gleich zu anständigen Argumenten kommen können.

Man wird ja noch träumen dürfen.

(Meine Überlegungen werden mit ein paar Fragen Richtung Gegenwart vorläufig hier abgeschlossen.)

 

 

Synoden können irren – na und?

Im April dieses Jahres beschloss die Landessynode der Ev. Kirche in Baden, dass in Zukunft auch eingetragene Lebenspartnerschaften kirchlich getraut werden können. Wie das bei Beschlüssen so ist, fanden die einen das gut, die andern nicht. Sie taten das mit anderen Worten und mit je nach Standpunkt des Betrachtenden mehr oder weniger einleuchtenden Begründungen, aber darauf lief es hinaus.
Im Juni dieses Jahres beschloss die Synode der Ev.-Luth. Kirche Lettlands, dass in Zukunft keine Frauen mehr ordiniert werden sollten. Die einen fanden das nicht gut, die andern doch. Mit andern Worten und je nach – siehe oben.

Es geht mir jetzt nicht um die materiale Bewertung dieser Beschlüsse (ich möchte die Bereicherung, die ich durch Kolleginnen und Kollegen erfahre, welche in diesen Punkten anderer Ansicht und Praxis sind als ich, nie missen!), sondern um ein Argument, das in beiden Fällen erstaunlich schnell von den Kritikerinnen und Kritikern ins Feld geführt wurde:

Auch Konzilien können irren!

Das habe Martin Luther gesagt, und das würde ja wohl für Synoden genauso gelten.

Was natürlich stimmt. Aber was soll das heißen?
Eine Synode ist, wenn ich kirchenrechtlich und -geschichtlich einigermaßen informiert bin, nicht ganz dasselbe wie ein Konzil, aber dort, wo es keine Konzilien gibt, erfüllt sie viele seiner Funktionen. Und selbstverständlich kann sie irren.

Die beiden Synoden Badens und Lettlands wären vermutlich auch die letzten, die diesen Satz bestreiten würden. Schließlich haben ihre Beschlüsse ja  ältere Entscheidungen revidiert oder gar rückgängig gemacht. Was ja wohl nicht ginge, wenn die Synoden damals sich nicht zumindest teilweise geirrt hätten. Weil sie einfach falschen Informationen aufgesessen waren oder aus ihrer Zeit heraus urteilten oder was auch immer.
So würde wohl auch keine der beiden Synoden ihrem jetzigen Beschluss den Rang eines Dogmas verleihen. Ein demokratisches Gremium entscheidet immer nach bestem Wissen und Gewissen – und dazu gehört auch immer das Wissen um die eigene Fehlbarkeit. Sowohl Baden als auch Lettland argumentieren, dass ihre Entscheidung dem Evangelium  von Jesus Christus entspricht. So wie es die damaligen Synoden bei ihren Entscheidungen auch taten. In ihrem Gewissen an die Heilige Schrift gebunden, haben sie nach bestem Wissen die Entscheidung getroffen, die ihnen am ehesten dazu passend erschien.

Gleichzeitig haben beide Synoden ein klares Signal gesetzt, dass ihrer Ansicht nach durchaus verschiedene Auslegungen als mit dem Evangelium vereinbar respektiert werden können: Sie haben abgestimmt!
Über die Bindung an die Heilige Schrift an sich wird in Synoden nicht abgestimmt. Die steht in den Präambeln der kirchlichen Verfassungen. Die wird bei Gründung einer Kirche einmal beschlossen, aber ich wüsste auch nicht, dass es dazu jemals Gegenentwürfe gegeben habe. Es ist an dieser Stelle völlig klar: Wenn wir christliche Kirche sein wollen, steht dieser Punkt nicht zur Debatte. Andere Fragen stehen zur Abstimmung. Wer so ein Verfahren auf die Tagesordnung setzt, sagt: Ich könnte mich irren. Und: Zukünftige Generationen könnten zu der Einsicht kommen, dass wir heute geirrt haben, und müssen dann neu abstimmen. Diese Aussicht mag uns nervös machen, aber so funktionieren demokratische Gremien.

Ich versteige mich zu der gewagten These: Jede Synode weiß, dass Synoden irren können! Sonst würden sie gar nicht zusammentreten.

(Ich frage mich bei der Gelegenheit gerade, wie demokratisch eigentlich die Konzilien waren.)

Wenn also nach einem Synodenentscheid mal die einen, mal die andern das Lutherzitat von irrtumsfähigen Konzilien hochhalten, was ist damit anderes gesagt als: „Ich find das nicht richtig, was die gemacht haben“?

Im folgenden interessieren mich dabei zwei Fragen:

  1. Worauf bezog sich Luthers Äußerung überhaupt?
  2. Was hat die Äußerung für praktische Konsequenzen?

Und weil das hier schon sehr viel länger wurde als geplant, mache ich daraus wohl ein bis zwei weitere Beiträge.

Götz George, Bud Spencer, die Kirche und die Politik

Ist es nur meine Generation oder mein Milieu?
Aber ich bemerke es bei einigen, mit denen ich verbunden bin, und mir geht es genau so:
Der Tod von Bud Spencer berührt mich emotional mehr als der von Götz George.
Ich frage mich, wie das kommt? Kannte beide persönlich gar nicht. Hab von beiden ungefähr gleich viele Filme gesehen. Aber die mit Bud Spencer öfter.
Ich bin nur Laie und bitte um Korrektur, aber: So ganz falsch liege ich nicht damit, dass George schauspielerisch deutlich mehr konnte als Dr. Pedersoli, oder? Als jemand, der vor allem guter Schauspielkunst zusehen mag, müsste ich George doch mehr vermissen.
Aber dann geht es mir doch anders. Es scheint, dass es am Ende (in jeder Hinsicht dieser Formulierung) nicht mehr darum geht, wie talentiert oder fleißig oder klug einer war, sondern hauptsächlich darum, ob ich als Zuschauer diesen Typen mag. Und ich mag den Typen, der mich da angrinst, gutmütig, selbst wenn er wütend ist. Eine einzige Rolle unter verschiedenen Namen. Ich habe bei den meisten seiner Filme vergessen, wie der Mensch hieß, den er spielte. Er war immer Buddy. Lang bevor ich wusste, dass das Wort auf Deutsch soviel wie „Kumpel“ heißt, war er es für mich schon. Darum hat man das Gefühl, mit Götz George verliert die Schauspielwelt eins ihrer größten Talente, mit Bud Spencer verlieren wir einen alten Kumpel. Kein Wunder, wenn wir da stärker reagieren.
Ich fürchte nur, der Reflex bleibt nicht auf Trauer über verstorbene Schauspieler beschränkt. Unbewusst und immer stärker auch bewusst entscheiden Menschen auch in ganz anderen Bereichen nach der einen Frage: Mag ich den Typen? Kompetenz, Sachkenntnis, Können, Talent, Ausbildung, … können darüber in den Hintergrund geraten.
Seien wir ehrlich: In einer Fernsehserie würden wir lieber Donald Trump erleben als Hillary Clinton. Jener wird ja von seinen Fans dafür gelobt, dass er kein Politiker ist.
Selbst wenn Parteien ihre Spitzenkandidaten küren, fragen sie meist nicht nach den kenntnis- sondern den aussichtsreichsten. Und das sind die, die „man mag“. Die mit Ahnung können dann ja immer noch Referenten oder Staatsekretäre werden. Die seriösen Medien unterstützen dies eher noch, wenn in der Sendezeit, wo man Regierungsprogramme hätte vorstellen können, das „Kanzlerduell“ der Personen und damit auch Persönlichkeiten gezeigt wird. Bei den Umfragen hinterher wird dann neben „wer wirkt kompetenter?“ auch gefragt „wer wirkt sympathischer?“. Wobei schon „wirkt“ schwierig ist, denn die Wirkung hat oft nicht nur mit Inhalten zu tun.
Wenn wir die Wahl nicht davon abhängig machen, ist das ja auch okay. Wir vermissen die Redner Gysi und Westerwelle, auch wenn wir sie nie gewählt haben sollten. Köhlers „Sie werden mir fehlen“ zu Müntefering sprach ähnlich. Diese Größe können Demokraten haben. Aber die Wahlentscheidungen sollten davon nicht abhängig sein. Und so einige Umfragen und Abstimmungen der letzten Monate lassen mich befürchten: Das ist nicht mehr selbstverständlich. Manche sagen das sogar offen: Sie vertrauen denen mehr, die sich nicht als Politiker geben.
Oder welche Prediger sind erfolgreich – in dem Sinne, dass sie in der Regel volle Kirchen haben? In der Regel sind es Leute, die man mag. Sympathische Typen mit angenehmer Stimme, entweder sanft oder draufgängerisch, harmonisierend oder polarisierend, aber auf jeden Fall ein Erlebnis. Was kenne ich hervorragende Predigende, die viel mehr und oft auch (aus meiner unmaßgeblichen Sicht) inhaltlich viel richtigeres zu sagen haben als andere, aber es fehlt ihnen an Ausstrahlung und Stimme, über das erlernbare Maß hinaus. Bei freier Pastorenwahl werden die meisten sich für den entscheiden, den sie mögen. Dies gilt für alle Frömmigkeitsprägungen und theologischen „Lager“, auch wenn sie es in einer nachträglichen Rationalisierung dann unterschiedlich begründen.
An solchen Stellen ist die Bauchentscheidung dann gefährlich. Und wo sie bewusst geschieht, unverantwortlich.
Wenn ich das erlebe, möchte ich manchmal wie Bud Spencer …. aber das wäre ja auch nicht richtig. Mögen beide in Frieden ruhen.

Denn uns ist ein Kind geboren …

In den letzten Monaten hatte ich zweimal mit Tauffamilien zu tun, die in ganz ähnlichen Situationen waren: Die Eltern des Taufkindes waren, soweit ich sehen konnte, eine glückliche stabile Familie. Die Großeltern zumindest auf einer Seite waren schon lang getrennt, immer noch zerstritten oder im besten Fall ohne Kontakt. Bei allen war viel Verbitterung über Geschehenes. Alte Narben, die wieder schmerzten, wenn sie nur an eine Begegnung dachten.

Aber nun war dieses Kind da, das Enkelkind. Eine Mutter erzählte mir, dass ihre Eltern sich nun wieder sehen wollten, wenigstens an diesem Tag, wenigstens zur Feier. Auch in der anderen Familie saßen die Eltern der Mutter zwar an verschiedenen Tischen, aber sie waren da. Und sprachen sogar. Das neue Kind war Anlass, zusammenzufinden.
Ich saß mit einigen an einem Tisch, als sie über „die andere“ sprachen. Sie erzählten, wie sie wieder miteinander redeten. Nur das Nötigste, aber das war für beide Seiten in Ordnung. Sie hatten wieder einen Umgang gefunden. Als ob das neue gemeinsame Kind ihnen ermöglichte zu sagen: Wir werden die Vergangenheit nicht mehr klären, aber wir werden für die Zukunft einen Weg finden.
Dieses Kind schaffte es, dass sie wenigstens auf derselben Feier sein konnten.
Wenigstens zusammen feiern: Viel hatte sich nicht verändert. Aber im Vergleich zu dem Nichts, das gewesen war, hatte sich alles verändert.

Ich hörte zu und dachte,
ohne den Anspruch, alles ganz zu erfassen oder bis ins Letzte auszulegen,
aber mit feucht werdenden Augen:
und Gott und Mensch haben doch auch ein gemeinsames Kind …

Frohe Weihnachten!

 

Adventszeit

Es ist berührend anzusehen, wie viele Menschen dieser Tage voller Erwartung sind.
Wie sie die alten Melodien summen und miteinander die bekannten Worte zitieren.
Wie sie Geschirr, Kleidung und Deko kaufen für die Ankunft des großen Tages.
Wie sie ihre Häuser schmücken, um Platz für das Neue und doch so Altbekannte zu machen.
Wie selbst Fremde vereint sind in der Vorfreude.
Wie sie auf keinen Fall vorher etwas erfahren wollen, um sich die Überraschung nicht zu verderben.
Wie selbst Erwachsene noch einmal ganz kindlich leuchtende Augen bekommen beim Anblick der Lichter und Bilder.
So schön ist es zu sehen.

Nur ich kann mit all dem nichts anfangen.
Ich bin einfach kein Star-Wars-Fan.